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Inhalt

Der Werther-Effekt - ein Prototyp der Medienwirkungsforschung?

Text der Posterpräsentation im Rahmen der 7th International Conference on Philosophy, Psychiatry and Psychology: Time, Memory and History

Englisch Summary: The Werther-Effect - a prototype for Media Effect Research?

Definitionen

Der "Werther-Effekt" bezeichnet den absoluten Anstieg an Suiziden durch Nachahmung von (fiktionalen) Vorbildern in den Medien.

"Medienwirkung" bezeichnet im Allgemeinen eine beobachtbare Veränderung auf der Einstellungs- oder Handlungsebene, die sich auf einen bestimmten Stimulus in Form eines Medienangebotes zurückführen lässt.

Obwohl von "Medienwirkung" in diesem Sinne in der wissenschaftlichen Debatte immer seltener gesprochen wird, scheint die Vorstellung zumindest im Alltagsdenken tief verwurzelt zu sein.

Ziel der Präsentation

Auf diesem Poster werden erste Ergebnisse eines Forschungsprojektes zur Bedeutung der zeitgenössischen Diskussion um die Werther-Novelle und ihre Wirkung auf die Debatte um negative Medienwirkungen zusammengefasst. Für Hinweise auf relevante Forschungsergebnisse aus der Medizingeschichte des 19. Jahrhunderts bin ich dankbar.

Der Werther-Effekt im Kontext der Geschichte der Medienwirkung(sforschung)

Bei der Einführung eines neuen Mediums wurde im 20. Jahrhundert stets der Vorwurf der Kriminalisierung von Kindern und Jugendlichen sowie besonders anfälligen Personen erhoben. In der jeweils aktuelle Diskussion lassen sich dabei stets Elemente der vorangegangenen nachweisen, so verweist die Debatte um den Film unmittelbar auf die Debatte um die Schmutz- und Schundliteratur, die Debatte um Fernsehen, Comics, Computer und Internet nimmt wiederum Argumente und Thesen der Kinodebatte auf. Die Entstehung der Diskussion um die Schundliteratur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird dabei jedoch nur selten thematisiert und zumeist durch das ihr zugrunde liegende Motiv, der Sorge um die Jugend, erklärt.

Die Diskussion um das sog. Wertherfieber könnte sich als eine der zentralen Quellen der Schundliteraturdebatte erweisen. So ist es ein Kennzeichen der Schundliteraturdebatte, dass ihr eine “mimetische Wirkungskonzeption” (Hausmanninger 1992) zugrunde liegt, welche auch später im Fokus der Medienwirkungsdebatte steht. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war diese Einschränkung noch nicht gegeben. Janin berichtet z.B. von einem Jüngling, der nach der Lektüre von de Sade mitnichten zum Sadisten wird, sondern in ständiger Angst lebt: “Er sah in der Natur nur noch Monster” (Janin 1986, Original 1835). Die Einschränkung auf Nachahmungstaten könnte sich als Erbe der Debatte um den Werther erweisen, da hier Nachahmungstaten im Mittelpunkt standen.

Die zeitgenössische Diskussion um den Werther

Nach der Veröffentlichung der Novelle (1774) und ihrem Verbot durch die kursächsische Regierung (1775) setzte in Deutschland eine öffentliche Diskussion ein, die (sowohl)

(1) das Phänomen des Selbstmordes,
(2) die Wirkung der Novelle

zum Gegenstand hatte. Hintergrund für (2) bildete die zeitgenössische Diskussion um

(3) die Wirkung von Empfindsamer Literatur sowie
(4) die Lesewuth im Allgemeinen.

In nicht geringem Masse dürfte die Massenwirksamkeit der Novelle bzw. des Werther-Stoffes ebenfalls Anlass zur Diskussion gegeben haben. Neben der trotz des Verbots auflagenstarken Novelle sind hier die Gegenschriften und Parodien, die Bearbeitung als Lied, Gedicht und Theaterstück, die Wertherfeiern (inkl. Feuerwerk), diverse Devotionalien und Drucke sowie Figurenensembles in Wachsfigurenkabinetten zu nennen. Die Imitation von Kleidung, Sprache und Gestik durch die Jugend muss ebenfalls berücksichtigt werden.

Dem Wertherfieber eine zentrale Stelle in der Geschichte um die Diskussion von Medienwirkungen zukommen zu lassen, erscheint zumindest für den deutschsprachigen Sprachraum als naheliegend, da die Diskussion um den Selbstmord im Allgemeinen und den möglichen (schädlichen) Einfluss von Literatur in Deutschland erst nach der Veröffentlichung der Novelle einsetzte.

Obwohl das Verbot von 1775 den Anstieg der Selbstmorde betont, wird der Werther-Effekt von anderen Autoren in Zweifel gezogen. In Wien wird z. B. in einem Gegengutachten (1786) betont, dass nachgeahmte Selbstmorde aus Liebe nicht bekannt seien. Tatsächlich nahm um 1775 die Anzahl der berichteten Selbstmord in Kursachsen zu. Dies lässt sich nach Kästner (2004) jedoch auf eine Veränderung der Berichterstattung zurückführen.

Wenn auch eine Selbstmordepidemie nicht auszumachen ist, so sind doch spektakuläre Imitationssuizide bekannt. Oftmals wird jedoch nur die Novelle bei dem Toten oder in seinem Nachlass gefunden, während die Todesart eine andere ist (Beispiele bei Steinberg 1999, Atkins 1949). Es ist darauf hinzuweisen, dass sich das Wertherfieber als Erklärung geradezu aufdrängte und es ermöglichte, andere Erklärungsmöglichkeiten auszublenden (Lorenz 1999).

Das Wertherfieber als Krankheit der Nerven

1838 empfiehlt Esquirol auf eine Berichterstattung zu Selbstmorden in den Zeitungen zu verzichten, um Imitationssuizide zu vermeiden. Auch andere Quellen zeigen, dass medieninduzierte Suizide zum festen Gedankengut dieser Zeit gehört.

Schon hinsichtlich der empfindsamen Literatur als auch der Lesewuth entstanden anthropologisch/medizinische Erklärungsmodelle von Medienwirksamkeit, die über eine bloße argumentative Einflussnahme hinausgingen. Vom Standpunkt der Humoralpathologie aus konnte bereits das übermäßige Lesen an sich aufgrund der “erzwungenen Lage und dem Mangel aller körperlichen Bewegung” gefährlich erscheinen. Aus der Perspektive der Nerventheorie ist vor allem das “Überspannen der Nerven” durch “Empfindeley” und das daraus resultierende Abstumpfen der Nerven eine Gefahr. Beide Erklärungen konnten in der zeitgenössischen Literatur auch zugleich vorgebracht werden und ließen

1) die Werther-Novelle als den Prototyp für “gefährliche Literatur” erscheinen,
2) legten eine Form der literarischen Dianetik und darüber hinaus auch eine “medicinische Policey” nahe.

Beide Erklärungsmodelle betonten zudem die Möglichkeit von Hypochondrie und Melancholie als Folge der Lesewuth und verweisen somit auf die Gefahr des Selbstmordes.

Die medizinisch/anthrologogischen Erklärungen zu einer Objektivierung der These von der “Gefährlichkeit von Literatur”: Sie könnten somit einen (zentralen?) Baustein der späteren Debatte um die Notwendigkeit der Kontrolle von Medieninhalten (zunächst Censur, dann Jugendschutz) bilden. Deshalb gilt es die medizinisch/ anthropologische Erklärung von Medienwirkungen im 19. Jahrhundert näher zu betrachten, wobei das Erbe der Werther-Debatte als Leitkonzept dienen könnte.

Literatur (Auswahl)

  • S. P. Atkins: The Testament of Werther in Poetry and Drama. Cambridge 1949
  • A. Biermann: >Gefährliche Literatur<. In: Wolfenbütteler Notizen zur Buchgeschichte, Vol. 13 (1988), Nr. 1, S. 1-28
  • S. Hanuschek: Die hiesige ganz und gar närrische Censur. S. 49-55 in: S. Kellner, hg.: Der "Giftschrank". München 2002.
  • H. und R. Hartmann: Populäre Romane und Dramen im 18. Jahrhundert. Obertshausen 1991
  • T. Hausmanninger: Kritik der medienethischen Vernunft. München 1992
  • H. H. Houben: Der Polizeiwidrige Goethe. Berlin 1932
  • M. Jäckel: Medienwirkungen. Wiesbaden 2002.
  • A. Kästner: Auswahlbibliographie und Gedanken zur Geschichte des Suizids in der Frühen Neuzeit. Online-Veröffentlichung.
  • V. Lind: Selbstmord in der Frühen Neuzeit. Göttingen 1999
  • M. Lorenz: Kriminelle Körper Gestörte Gemüter. Hamburg 1999
  • A. Martin: Die kranke Jugend. Würzburg 2002
  • D. Maurer: Schundkonsum als Kriminalitätsursache. S. 18-29 in: Prädikat wertlos. Tübingen 2001
  • P.D. Phillips: The Influence of Suggestion on Suicide: Substantive and Theoretical Implications of the Werther Effect. In: American Sociological Review, Vol. 39 (1974), Nr. 3, S. 340-354
  • B. Plachta: Damnatur - Toleratur - Admittitur. Tübingen 1994
  • S. Stack: Media Coverage as a Risc Factor in Suicide. In: J Epidemiol Community Health, Vol. 57 (2003), S. 238-240
  • H. Steinberg: Der "Werther-Effekt". In: Psychiatrische Praxis, Jahrgang 26 (1999), Heft 1, S. 37-42
  • D. v. König: Lesesucht und Lesewut. S. 89-124 in: Herbert G. Göpfert, hg.: Buch und Leser. Hamburg 1977.
  • W. Ziegler, U. Hegerl: Der Werther-Effekt. In: Der Nervenarzt, Vol. 73 (2002), Nr. 1, S. 41-49.

 

English Summary

This poster displays first results of a research project on the significance of that time´s debate on the Werther novel and its effects concerning the debate on negative media effects. On the one hand, the origin of the thesis of the Werther effect shall be looked at within its historical context, on the other hand its influence on the German debate on pulp fiction (Schundliteratur) in the second half of the 19th century shall be analyzed. One of the features of this debate is a. o. its mimetic conception of effect. As can be shown by examples, this is not the case as early as in the first half of the 19th century. Here, the question is in how far this restriction must be attributed to the prominent example of the Werther novel.

The contemporaries´s attitude towards the effect of this novel was not at all definite. Thus, there must have been a restriction to that what I call the Werther-myth, i. e.: 1.) This novel was/is dangerous for a specific kind of reader. 2.) This novel proves that certain books are dangerous. 3.) As books may be dangerous books (and other media) must be subject to control. I consider the Werther-myth a (maybe crucial) part of the general thesis of the “dangers of literature” which a.o. may justify the necessity of a system of censorship.

Already contemporaries expressed their doubts that the Werther novel triggered a suicide epidemic. Altogether, it may be supposed that far less than 100 imitation suicides are documentated. It must also be taken into consideration that the Werther effect was just the right thing for any medical interpretation if the dead e. g. carried the book with him or if it was found among his estate. However, some single cases are known when the pattern was imitated very exactly. Together with the enormous mass effectiveness of the Werther topic, these imitation suicides may be supposed to have been enough to confirm the most desperate fears of physicians, anthropologists, and theologists.

Concerning the contemporary medical explanations of the Werther effect, it must be pointed out that both hypochondria and melancholia, being illnesses which might end in suicide, can be related to books. The background to this was the debate on the “Lesewuth” (crazyness about reading). The pathology of the four humours considered already the act of reading itself to be dangerous; from the perspective of the then new theory of nerves there was the danger of overstraining the nervous system by delicate content. Just due to the latter explanation, the Werther fever might have become the prototype of that kind of media effect to which the 19th century reached back.